Warum Ethik in der Wildlife Fotografie bei 600mm beginnt
In der Welt der Wildlife Fotografie jagen viele dem einen perfekten Motiv hinterher. Doch für mich gibt es eine Grenze, die niemals überschritten werden darf: Die Grenze des Respekts gegenüber dem Tier und seinem Lebensraum. Ein grossartiges Foto ist wertlos, wenn dafür der Lebenszyklus eines Vogels gestört oder ein Tier aus seinem Revier vertrieben wurde.

Die Ausrüstung als Schutzschild
Viele Amateure versuchen, mangelnde Brennweite durch physische Nähe auszugleichen. Das Ergebnis ist oft ein aufgeschrecktes Tier, das wegfliegt und im schlimmsten Fall nicht mehr an seinen Brutplatz zurückkehrt. Für mich ist das ein absolutes No-Go.
Ich fotografiere Wildtiere konsequent mit Brennweiten ab 600mm oder 800mm. Wer nicht über solch massive Teleobjektive verfügt, kann sich hervorragend mit einem Telekonverter behelfen. Ein 1.4x oder 2.0x Konverter an einem kleineren Teleobjektiv ermöglicht es, die nötige Distanz zu wahren, ohne das Budget oder die physische Belastung zu sprengen. Diese technische Entscheidung ist primär eine Entscheidung für den Tierschutz. So kann ich das natürliche Verhalten dokumentieren, ohne dass das Tier meine Anwesenheit überhaupt bemerkt.
Schutz seltener Arten auf der Roten Liste
Ein besonders sensibler Bereich meiner Arbeit betrifft Vögel, die auf der «Roten Liste» stehen oder als streng geschützte Arten gelistet sind. Dazu gehören faszinierende Tiere wie die Waldohreule oder der winzige Sperlingskauz.

Warum Standorte mein Geheimnis bleiben: Eine Begegnung im Wald
Aus Verantwortung gegenüber der Natur verfolge ich eine klare Philosophie bei der Standort-Anonymität. Wenn ich draussen mit meiner grossen Ausrüstung unterwegs bin, bleiben neugierige Blicke von Passanten natürlich nicht aus. Oft werde ich gefragt, was ich denn da Schönes fotografiere.
Wenn ich in diesem Moment gerade eine Waldohreule oder einen Waldkauz an ihrem Nest beobachte, reagiere ich schnell. Ich wechsle unauffällig die Richtung der Kamera oder richte den Fokus auf einen neutralen Baumstamm. Ich gebe den Standort nicht gerne preis. Das mag für manche vielleicht egoistisch klingen, aber aus Erfahrung ist es der einzig vernünftige Weg. Informationen über seltene Brutplätze verbreiten sich wie ein Lauffeuer.
Ich erinnere mich noch gut an eine Erfahrung mit einer bekannten Vogel-App, in der man Sichtungen seltener Vögel melden konnte. Einmal meldete ich dort seltene Gäste wie den Gleitaar, die Sumpfohreule, den Fischadler oder den Waldrapp. Was dann geschah, hat mich zutiefst erschrocken. Innerhalb von nur 30 Minuten tauchten 10 bis 30 Fotografen auf, die wie Geier auf das Motiv lauerten. Seit diesem Tag habe ich solche Meldungen nie wieder gemacht. Die Ruhe der Tiere steht für mich über dem Informationsdrang der Massen.
- Keine GPS-Daten: Alle Metadaten werden vor der Veröffentlichung aus den Bilddateien entfernt.
- Vage Ortsangaben: Ich nenne höchstens die Region, niemals den exakten Waldabschnitt.
- Zeitverzögerung: Bilder von seltenen Gästen werden oft erst gepostet, wenn die Tiere die Region bereits verlassen haben.

Die Technik hinter den Kulissen: Brennweite und Tarnung
Mit einer Brennweite von 600mm oder mehr zu arbeiten, erfordert Geduld und Präzision. Gerade bei Singvögeln kombiniere ich mein 800mm-Objektiv zusätzlich mit einem Telekonverter. Dies ermöglicht es mir, selbst winzige Details festzuhalten, ohne den Vögeln zu nahe zu rücken.
Um die Tiere nicht zu erschrecken, arbeite ich zudem oft mit einem Tarnzelt. Das bedeutet, man muss bereit sein, stundenlang regungslos zu verharren. Ein klassisches Beispiel ist die Beobachtung der farbenfrohen Bienenfresser, die während ihrer Saison auch in der Schweiz an ihren Brutwänden zu finden sind. Nur wer hier geduldig im Zelt wartet, wird Zeuge ihres faszinierenden Sozialverhaltens. Man verschmilzt mit der Umgebung, wird ein Teil der Landschaft und stört die natürlichen Abläufe nicht.

Fazit: Respekt als wichtigstes Werkzeug
Wer die Natur liebt, muss sie schützen. Die Fotografie sollte ein Dokument der Schönheit sein, kein Eingriff in das Leben der Wesen, die wir bewundern. Wenn Sie auf meiner Webseite ein Foto sehen, können Sie sicher sein: Dieses Tier war während der gesamten Aufnahme entspannt und sicher in seinem Lebensraum.
Wer Interesse hat, kann gerne einmal bei meiner Tierfotografie auf Instagram unter «scharfgestellt_» reinschauen. Ich freue mich über den Austausch mit Menschen, die diese Leidenschaft für die Natur teilen.
